Irrenhaus auf Schienen in Niemegk

NiemegkReporter

Kaum einer hätte es glauben wollen: In Niemegk hält seit Freitag wieder ein Zug! Dank der Verlegung des „Hauptbahnhofes Bad Belzig“ in den Großen Saal des Kulturhauses Niemegk legt hier nun der Champus-Express der privatisierten Bahngesellschaft „Interlux – Luxusreisen zu kleinen Preisen“ einen Halt ein. Aber nichts ist besser als bei der Deutschen Bahn. Der Zug fährt auch verspätet ab, das Personal ist nicht freundlicher und das Tarifsystem auch nicht durchschaubarer. Das alles lässt sich bei den Laienschauspielern des Neuen Volkstheaters Fläming und ihrer jüngsten Krimikomödie „Der Champus-Express“ von Bernd Spehling erleben.

Blendend amüsierte sich das Premieren-Publikum über das jüngste Stück, bei dem Christian Pietrucha die Regie führt. In etwa zwei Stunden werden die Lachmuskeln des Publikums bestens trainiert. Ein Kracher jagt den nächsten, meist sind es aber die Anspielungen unterhalb der bekannten Gürtellinie. Es beginnt schon im Zuschauer-Saal, in dem das Gaunerduo Rudolf (Daniel Geißler) und Kati (Edda Hähnel) aufeinander trifft, um den Überfall auf das Bordbistro zu planen. Sie träumt dabei schon von einem sorglosen Leben unter dem Motto „Keine Party ohne Kati“, während Rudolf noch Zweifel hegt. Da schaffen schon Lautsprecher-Durchsagen die richtige Bahnhofsatmosphäre im Theatersaal, bevor chaotische Gestalten die Szenerie im Bord-Bistro bestimmen. Der pflichtbewusste Schaffner Wischnewski, gespielt von Hans-Joachim Linthe, verlangt lautstark die Fahrkarten und klärt die gut situierten Fahrgäste über das Tarifsystem der privatisierten Bahnlinie auf. Dabei offeriert der resolute Kontrolleur etwa den „Quicki-Vicky-Weekend-Tarif 80+“ und legt gleich zu Beginn schon mal ein Bahnsteigtänzchen à la Fred Astaire hin, bevor sich der Champus-Express in Bewegung setzt.

Im Zug trifft die schnippische Bistro-Dame Gertrud (Carola Hausig) – sie ist wahrlich die Freundlichkeit in Person – auf die leicht durchgeknallte Omi Lieselotte (Verena Anhalt), deren Enkel Harvey (Marvin Miedzianowski) sich verwöhnen lässt, aber auch aufmüpfig sein kann. Schließlich muss er sich von der Bistro-Dame sagen lassen „.. zu dumm, dass es den Schulabschluss nicht als  Download gibt“. Ebenfalls an Bord ist ein etwas überernährter Radsportler (Sven Schüler), der auf keinen Fall auf sein zweirädriges Vehikel verzichten will und durch die Waggons irrt. Und dann ist noch die besessenen Pathologin Piepenbrink (Beate Ulrich) im Abteil. Sie nimmt kein Blatt vor dem Mund und vergleicht die im Champus-Express servierten Speisen ziemlich frivol mit sezierten Leichenteilen. Selbst Versicherungsvertreter Steffen Fettenläufer (Christian Pietrucha) will sich die Luxus-Reise zum kleinen Preis nicht entgehen lassen. Da ist auch die stets ums Wohl der Fahrgäste bemühte, charmante Zugchefin Gesine (Jutta Linthe) gefordert und vermittelt gern zwischen dem Kontrolleur und den Fahrgästen.

Plötzlich passiert es, der schusselige Räuber Rudolf  (Daniel Geißler) mit seiner Komplizin Kati (Edda Hähnel) wagen den Überfall auf das Bordbistro. Beide wollen sich mit der Beute beim nächsten Zwischenhalt in Berlin-Wannsee aus dem Staub machen. Aber der Stopp fällt wegen einer Störung im Betriebsablauf aus. Der Raub entwickelt sich für das Gaunerpärchen zum Spießrutenlauf. Die Beute muss versteckt werden, landet zunächst im Feuchttücherbehälter,  dann im Mülleimer, den Reinigungskraft Ilse (Doreen Schumann) leeren will, und im Koffer von Steffen Fettenläufer. Zu guter Letzt meinen die Ganoven ein sicheres Versteck hinter dem Tresen gefunden zu haben. Aber der Verlauf der Krimikomödie,  in der  Kriminalkommissarin Anne (Sandy Boldt) ermittelt, nimmt einen ungeahnten Verlauf… So viel wird verraten: Einer der Räuber verliert die Nerven und schließlich die Hose – was auf der Niemegker Theaterbühne nun schon ein Markenzeichen des hiesigen Volkstheaters geworden ist. Die Nerven behält nur eine im Irrenhaus auf Schienen. Lassen Sie sich überraschen – zum Schluss klicken auf der Bühne tatsächlich die Handschellen! Im wahren Leben soll das bei Ganoven nicht immer so sein. Besten Dank auch an David Anhalt an der Technik und für das super, gelungene Bühnenbild. Manch einer hat schon lange keinen Zug von innen gesehen. Nicht zu vergessen die charmanten Damen des Bordpersonals, die alle Gäste wahlweise mit Champus oder mit anderen Getränken versorgten.

Die Laienschauspieler des Neuen Volkstheaters Fläming bieten einmal mehr beste und leichte Unterhaltung für jedermann. So volkstümlich man sie auf der Bühne erleben kann, so begegnet man sie auch im wahren Leben. Regine Pietrucha sagte während ihrer Begrüßungsrede vor dem roten Vorhang, dass die Schauspieler im Blumengeschäft, auf der Kanzel in der Kirche, im Kindergarten, im Büro, im Rathaus, bei der Versicherung und anderswo zu erleben sind. Regine Pietrucha bedankte sich bei der Mittelbrandenburgischen Sparkasse Potsdam als neuen Sponsor den Neuen Volkstheaters Fläming in Niemegk und ganz herzlich beim treuen Publikum, dass inzwischen bis aus Bad Belzig, Dessau, Potsdam, Brandenburg/Havel und Berlin die hiesigen Vorstellungen besucht. Die Schauspieler selbst sind mit Eifer, Fleiß und Freude dabei, den Gästen aus nah und fern ein paar vergnügte Stunden zu bereiten. „Der beste Lohn ist ihr Applaus. Applaus geht immer“, sagte Regine Pietrucha, die als eine von vier Omis mehrmals auf der Bühne stand.

Der Champus-Express hält noch einmal am 4. und 5. November auf dem Hauptbahnhof Bad Belzig im Kulturhaus Niemegk. Wer als Zuschauer in der ersten Reihe sitzen will, kann sich im Vorverkauf Eintrittskarten sichern. Sie gibt es für 10 Euro bei der Drogerie Pulz, Tel. 033843/51341, in der Tourist-Information Bad Belzig, Tel. 033841/3879910 und  beim Neues Volkstheater Fläming, Tel. 033843/926910. An der Abendkasse kostet die Karte 12 Euro.

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