Morde, die keine Krimis sind

Einer der erfolgreichsten Kriminalisten der DDR berichtete in der Flämingbibliothek über sein Leben und seine Arbeit

Siegfried Schwarz, der Ex-Kriminalist, hat viel zu erzählen, über seine Arbeit und aus seinem Leben. Von 1966 bis 1988 leitete er die Mordkommission im damaligen Bezirk Halle und ermittelte bei ca. 400 Mordfällen in der ganzen DDR mit. Dabei war er selbst in den Turbulenzen der Kriegs- und Nachkriegsjahre zunächst auf die schiefe Bahn geraten. Kein Wunder also, dass der Saal im Gasthof Moritz am letzten Freitag bis auf den letzten Satz besetzt war, als Schwarz aus seinem zweiten Buch las. „Der Makronenmord“ liefert nach dem großen Erfolg seines ersten Buches „Mord nach Mittag“ weitere spannende Einblicke in die Ermittlungsarbeit der Volkspolizei.

Siegfried Schwarz, Rädigke, Flämingbibliothek

Siegfried Schwarz in der Flämingbibliothek

Zuerst aber berichtete der inzwischen 83-jährige Schwarz aus seinem eigenen Leben. Zum Ende des Krieges wurde er mit seiner Familie wie so viele aus der niederschlesischen Heimat entwurzelt. Er gelangte ins sächsische Mittweida und geriet dort in eine Diebesbande. „Mein erstes Fahrrad habe ich geklaut“, gestand Schwarz seinen Zuhörern. Von 1944 bis 1946 besuchte er keine Schule. Erst als der Vater 1947 aus der Gefangenschaft zurückkehrte, wurde es besser. Schwarz wurde zum Beispiel Boxer – weil die Boxsportler in Mittweida mit Pferdegulasch gesponsert wurden. Schwarz boxte durchaus erfolgreich. Beispielsweise wird er während seines Dienstes bei den bewaffneten Organen Vizemeister. Nach diesem Dienst wwurde er eher zufällig Polizist. Jedenfalls trat er 1955 ohne juristische und kriminalistische Vorkenntnisse den Polizeidienst an. In seinem ersten Fall ging es ausgerechnet um einen Fahrraddiebstahl, wie Schwarz in Rädigke erzählte: „Ich sah meine eigene frühere Perspektive vor mir sitzen.“ Nach nur acht Monaten wurde er zur Kriminalpolizei versetzt. Seine Kenntnisse eignete er sich aus einem aus dem Russischen übersetzten Lehrbuch der Kriminalistik an. Noch wichtiger wurde für ihn, dass er erfahrenen Kriminalisten über die Schulter schauen konnte. Als Leiter der Mordkommission Halle ermittelte er schließlich nicht nur in diesem DDR-Bezirk, sondern in der ganzen DDR. Da die Mordkommissionen der einzelnen Bezirke meist nur aus vier Leuten bestanden, mussten sie sich gegenseitig unterstützen: „Ich war ein Reisender in Mordsachen.“ Schwarz war beruflich erfolgreich, eckt aber auch immer wieder an. „Fachlich konnte mir keiner etwas, aber politisch wurde es manchmal schwierig.“ Zwar war Schwarz Mitglied der SED, aber er nahm kein Blatt vor den Mund und lästerte auch gern. 1988 verließ er nicht ganz freiwillig die Polizei.

Für seine beiden Bücher kann Schwarz aus diesem reichen Fundus schöpfen. Auch die Geschichte, die er schließlich in der Flämingbibliothek vorlaß, schildert einen realen Fall. Eine junge Frau wurde in ihrer Berliner Wohnung erdrosselt aufgefunden. Der Kriminalist setzte sich in ihre Wohnung und versuchte in Gedanken das Vorgefallene zu rekonstruieren. Man glaubt das aus den zahlreichen Krimis im Fernsehen zu kennen. Doch Schwarz schildert so sachlich und nüchtern die Abläufe und Zufälle bis der Fall schließlich aufgeklärt ist, dass man dabei nie in die Gefahr geriet zu vergessen, dass man keinem ausgefeilten Krimi lauschte, sondern einem Bericht über einen tatsächlich stattgefundenen Mord.

Siegfried Schwarz

Siegfried Schwarz signiert seine Bücher

Nebenbei ließ Schwarz immer wieder interessante Details aus der damaligen Praxis einfließen. Statt psychologischer Betreuung nach einem belastenden Fall zu bekommen, trösteten sie sich mit Wilthener Goldbrand und Nordhäuser Doppelkorn. Gern nahm Schwarz als passionierter Jäger seine Mitarbeiter nach einem schwierigen Mordfall auch mit auf einen Jagdausflug: „Immer im Vertrauen, dass an diesem Tag kein Mord passiert.“ Bei einem dieser Ausflüge werden sie jedoch von der Polizei an einem neuen Tatort gestoppt. Als Schwarz seinen Ausweis zeigt, wundern sich die Kollegen nur, wie schnell die Kripo aus Halle angereist war. Schwarz räumt auch mit dem Vorurteil auf, in der DDR wäre nicht über Mordfälle berichtet worden. Tatsächlich wurde berichtet, aber nur in den Kreiszeitungen. Das hat für Schwarz den Vorteil, dass sich nicht unbegründete Angst über das ganze Land ausbreiten kann.

Am Ende der kurzweiligen Lesung verkauft und signiert Schwarz seine Bücher. Am 24. März ab 13 Uhr lädt der Gasthof Moritz wieder ein, und zwar zu einer „weinorientierten“ Frühlingswanderung mit Bernd Moritz durch den frühlingserwachten Fläming.

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