Die weibliche Seite der 68er – Vortrag im Theologischen Salon in Rädigke

„Bis zum 2. Juni 1967 gingen die Männer im Anzug und die Damen im Kostüm zur Universität“, beginnt die Fotografin Ruth E. Westerwelle ihren spannenden Vortrag im Theologischen Salon in der Fläming Bibliothek in Rädigke. An diesem Tag im Juni 1967 wurde Benno Ohnesorg nach Protesten gegen den Staatsbesuch von Schah Mohammad Reza Pahlavi aus etwa eineinhalb Metern Entfernung in den Kopf geschossen. Sein Tod wurde zur Initialzündung für viele der 68er. Die Männer sind bekannt, allen voran Rudi Dutschke. Aber die Frauen? Wer war beispielsweise die Frau, die sich über Ohnesorg beugte, als er auf dem Berliner Pflaster lag?

„Mich hat von Anfang an geärgert, dass man die Geschichte der Jungs kennt, aber die Frauen einfach nicht da sind“, begründet Westerwelle ihre Motivation, sich mit den Frauen der 68er Bewegung zu beschäftigen. Eine von diesen, Erika Fechner, gab ihr schließlich den Auftrag den Frauen nachzuspüren:

„Jetzt fängst du an und machst es.“

Am schwierigsten wurde für Westerwelle oft die Recherche der Namen. Die Frauen auf den zahlreichen Fotos waren selbst für die beteiligten 68er immer „die Freundin von“ oder „nicht wichtig“ oder „gingen doch mit jedem“. Man kann sich die Hartnäckigkeit vorstellen, die Westerwelle aufbringen musste, um schließlich doch vielen Namen und Lebensläufen der Frauen  auf die Spur zu kommen. Erschwerend kam hinzu, dass damals Fotos als spießig galten und man außerdem befürchtete, „dass Fotos den Bullen zuspielten“. Die Kinder der 68er haben keine Fotos ihrer Kindheit, macht Westerwelle auf eine der Folgen aufmerksam. Eine andere ist, dass viele der 68er und fast alle der Frauen „schwere Traumata erlebten“, bis hin zu sexueller Gewalt. „Das war nicht witzig“, sagt Westerwelle mehrmals.

Zu den Merkwürdigkeiten der 68er gehört auch der bekannter Spruch:

„Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment“,

bei dem allein eine Männerperspektive existiert. Hinzu kam, dass die Männer zwar die Weltrevolution machen wollten, sich aber keine Vaterschaft zutrauten:

„Dem heißen Sommer der freien Liebe folgte der lange Winter der alleinerziehenden Mütter.“

Westerwelle, die für sich selbst die 68er-Zeit als „ihre zweite Geburt“ bezeichnet, geht es jedoch nicht darum, die Verdienste der Männer zu negieren oder um eine „Frauenkiste“. Vielmehr will sie die Geschichte zurechtrücken, die Frauen dazustellen. Und die haben es mehr als verdient. Westerwelle erzählt nicht nur von Beate Klarsfeld, die sich für die Aufklärung und Verfolgung von NS-Verbrechen engagierte und am 7. November 1968 den damaligen Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger ohrfeigte. Oder von Gretchen Dutschke-Klotz, die bereits vor der Heirat mit Rudi Dutschke in ihrer Heimat USA politisch aktiv war und ihrem Mann viel Wissen über politische Zusammenhänge und Aktionen vermittelte. Bis heute wird sie in einigen Kreisen gehasst, weil sie Dutschke „der Bewegung wegnahm“.

Westerwelle erzählte auch über so bedeutende und interessante Frauen wie Renate Chotjewitz-Häfner, Frigga Haug, Sigrid Fronius, Erika Berthold, Erika Pauline Fechner, Inga Buhlmann, Helke Sander, Friederike Hausmann (die Frau, die sich über den sterbenden Ohnesorg beugt), Barbara Herkommer, Annette Schwarzenau, Karin Kramer, Brigitte Martin, Dagmar Przytulla, Karin Adrian von Roques, Eva Quistorp, Elke Regehr, Maria Schild, Maruta Schmidt, Ingrid Schmidt-Harzbach, Christian Thürmer-Rohr und Inge Viett. Sie alle haben inzwischen digitale Spuren hinterlassen, viele haben eigene Einträge auf Wikipedia. Wer sich mehr für die Frauen der 68er Bewegung interessiert, sollte sich unbedingt die Zeit nehmen und ein wenig googeln und sich überraschen lassen. Oder Sie folgen einfach den vorstehenden Links.

Westerwelle erzählt so interessant über diese Frauen, dass man sich fast immer mehr Informationen und mehr Geschichten wünscht, auch auf die Gefahr hin, vielleicht über weniger Frauen etwas zu erfahren. Westerwelle hat sie alle fotografiert und stellt in Rädigke alte und neue Fotos gegenüber. Auch über die Fotos und ihr Zustandekommen würde man gern mehr erfahren. Doch auch so entspannt sich eine lebehafte Diskussion unter den 25 Teilnehmenden, die zur Hälfte aus Männern bestehen. Erstaunlicherweise haben viele die Zeit im Westen selbst erlebt oder waren gar an den Revolten beteiligt. So konnte man viel über eine Zeit vor allem in Westdeutschland erfahren, die Deutschland bis heute prägt.

In Rädigke machten im selben Zeitraum übrigens gerade die ersten Frauen ihren Traktorschein. Auch das eine Erfahrung, die bis heute unsere Gesellschaft prägt

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